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Die heutige Identität Triests

Von alexiley

Triest ist sicherlich eine besondere Stadt. Was das heißt, muss aber mit viel Nachdenken und Grübeln verstanden werden, und auch danach mag man so unwissend wie zuvor sein. Ich bin Student, komme aus Sizilien und in Triest lebe ich erst seit ein paar Monaten. Hierher wurde ich vor allem von meinem Interesse für Deutschland, Österreich und für osteuropäische Länder gezogen. Nachdem ich in der Schule Aaron Hektor Schmitz (Italo Svevo), Umberto Sabas und Claudio Magris Werke gelesen hatte, und nachdem meine Lehrerin für Italienisch betont hatte, diese Werke hätten nur in dieser Stadt geschrieben werden können, weil sie der mitteleuropäischen und österreichischen Kultur so nah wie keine andere italienische Stadt gewesen sei, fing ich an, mich dafür zu interessieren und versuchte, Triest kennenzulernen. Ich kaufte Bücher und Alben, bewunderte die großartige Architektur, die Atmosphäre der großen und multikulturellen Stadt, stellte deren österreichisch-balkanischen Einschlag fest, endlich beschloss, ich müsste nach Triest umziehen.

Als ich herkam, war ich zuerst froh darüber und begeisterte mich für die wunderbare Stadtstruktur. Doch bald musste ich auch die negativen Seiten und Merkmale einer Stadt anerkennen, die mehr als andere Regionen Italiens die zwei Weltkriege erlebt und darunter erlitten hat, und die mit dem Ausfstieg von Ideologien und Nationalismus gespalten und zerrissen wurde. Man hatte im 19. Jahrhunderte endlich zu beschließen, welche Identität man haben wollte, und die Entscheidung fiel auf die Italienische. Das verursachte große Probleme: die Ausgrenzung der Slowenen, das Ende der multikulturellen Stadt, das Ende der Epoche des deutschen Einflusses, dessen Symbol die Anwesenheit deutscher Kindermädchen in jeder bürgerlichen Familie war, das Ende des Bestehens Triests in Mitteleuropa und die endgültige Annäherung an Italien. Nach dem zweiten Weltkrieg, nach der Verwandlung Triests zu Grenzgebiet, was viel Hass, Groll und wirtschaftliche Probleme mit sich brachte, wurde die Stadt zur italienischen Provinz ohne Glanz und Wichtigkeit. Nicht mehr größter Hafen des adriatischen Meers, nicht mehr bevorzugte Handelsstadt verfiel sie endlich und "normalisierte sich", das heißt, sie wurde zu einer normalen italienischen Stadt,die sich sogar am Rande des Lands befand.

Heute hat Triest nicht so viele Gemeinsamkeiten mit der wunderbaren, lebendigen Stadt des 19. Jahrhunderts; sie hat sich, wenn mir der Satz erlaubt ist, in einen neuen Stadttypus verwandelt, und zwar in die "Parkenstadt", in der jeder überall parken kann, wo es ein freies Plätzchen gibt, egal ob auf Gehsteigen oder auf Straßen, die an sich schon so eng sind, dass ein Bus schwer durch könnte. Es ist auch keine saubere Stadt mehr, und alle neuen Gebäude fallen wegen ihrer Misere den großartigen Beispielen gegenüber auf, die das habsburgische Triest der Welt gegeben hat. Auch dass Jugendliche auf Wände historisch wichtiger Gebäude mit Sprühdosen schreiben, zählt nicht zu Triests positiven Merkmalen.

Wenn man viel erwartet, wird man enttäuscht werden. Das Großartige dieser Stadt besteht heutzutage meistens in dem Alten, in dem, was Jahrhunderte österreichischer Herrschaft und friedlichen Zusammenlebens zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen haben schaffen können. Und das ist wirklich etwas Überwältigendes.

Geschrieben 04.12.2003, Geändert 04.12.2003, 1649 x gelesen.

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Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar von cosmo vom 04.01.2008 15:20:39

Sehr aufschlußreich Dein Artikel. Suche mir gerade ein paar Infos über Triest + Umgebung zusammen, was anscheinend nicht so leicht zu bekommen ist. Hatte mir über Triest ein positiveres Bild von Triest gemalt, aber man sollte den Reiseveranstalter-Tipps auch nicht bedingungslos glauben. Wir suchen für den Sommer eine Unterkunft in der Nähe von Triest, wahrscheinlich Ferienwohnung. Appartment im Agriturismo ist dort sehr schwer zu kriegen.
Danke nochmal für Deine guten Infos + liebe Grüße von
cosmo